Vorsorgeuntersuchung ab dem 36. Lebensjahr

Autor
Dr. Th. Hermens

Ab dem 36. Lebensjahr haben gesetzlich Krankenversicherte Anspruch auf eine Vorsorgeuntersuchung. Dieser Gesundheitscheck gilt auch für ältere Patienten, berücksichtigt jedoch nicht die sie betreffenden Besonderheiten. Unterstützend bietet sich hier das geriatrische Screening nach Lachs an. Es beschreibt Schwierigkeiten, Störungen oder Risiken, die für die weitere Behandlungsplanung und den weiteren Behandlungsverlauf von Bedeutung sein können.
GERIATRIE      (Veröffentlichung > www.ihre-aerzte.de)

»Jeder Patient ist gerade der Wichtigste«

Was ist eigentlich Geriatrie - Medizin für Rentner? Nicht unbedingt, sagt Dr. Thomas Hermens, der in seiner hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in Nordrhein-Westfalen vorwiegend geriatrische Patienten betreut: Die sind zwar über 70, vor allem aber mehrfach erkrankt. »Multimorbid«, nennt das der Experte. Wie sein Alltag aussieht und warum Zeit für seine Patienten das Allerwichtigste ist, erzählt Hermens im Interview.

Dr. Thomas Hermens ist Internist, Facharzt für Geriatrie und Facharzt für Diabetologie und im nordrhein-westfälischen Wesel als hausärztlicher Internist niedergelassen. Zudem leitet er eine Diabetes-Selbsthilfegruppe sowie einen Qualitätszirkel.
Herr Dr. Hermens, wie sind Sie zur Geriatrie gekommen?
Schon in meinem vorherigen Beruf als Krankenpfleger habe ich festgestellt, dass ich einen guten Zugang zu alten Menschen habe. Als Arzt im Praktikum in der Geriatrie habe ich dann erste kleine Untersuchungen angestellt. Ich wollte wissen: Wie ist das nach einem Schlaganfall oder wenn jemand eine neue Hüfte bekommen hat: Bleibt der nur fit, wenn die Angehörigen sich kümmern? Oder ist das ein Selbstläufer? Kurz vorweggenommen: Das war es nicht. Mich hat interessiert, was die Lebensqualität des geriatrischen Patienten beeinflusst. Bevor ich mich 2002 niedergelassen habe, habe ich meinen Internisten sowie den »Facharzt für klinische Geriatrie« gemacht.

Was macht die Geriatrie aus?
Man arbeitet auf Augenhöhe mit allen Disziplinen: Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Pflegekräften, Logopäden, Sozialarbeitern, dazu kommen Hilfsmittel, die richtige Pflege - die Geriatrie lebt von einem gut funktionierenden Team. Ein weiteres Merkmal ist, dass wir schauen: Was kann der Patient? Und nicht andersherum: Was kann er nicht? Wir fragen, wo unsere Patienten ihre Ressourcen haben. Unser Job ist es, diese zu aktivieren. Das Wichtigste, wenn man mit geriatrischen Patienten zu tun hat, ist allerdings der Faktor Zeit in Kombination mit Erfahrung.

Was bedeutet das?
Mein Kollege in der Gemeinschaftspraxis und ich sind wie Ying und Yang. Wir sind beide Hausärzte, aber er behandelt eher die jungen Leute. Er ist der Schnellläufer, oft Dreiminutenmedizin, und ich der 20-Minuten-Mediziner. Er schafft pro Tag bis zu 70 Patienten, ich vielleicht 35. Denn ich habe mit alten Menschen zu tun, die nicht schnell auf den Punkt kommen. Die sagen zum Beispiel: Mir ist übel. Da könnte man sagen, okay, der kriegt ein Medikament und wird nach Hause geschickt. Nur: Die Übelkeit kommt vielleicht auch daher, dass er eins von den zehn Medikamenten nicht verträgt, die er bekommt. Sie müssen als Arzt also immer nachhaken. Das ist wie Detektivspielen.

Worauf müssen Sie dabei achten?
Auf die Vielschichtigkeit, weil die Patienten oft mehrere Erkrankungen haben, und oft nicht wissen, welches Problem das Gravierendste ist. Erst in einem intensiven Gespräch bekomme ich heraus - welches Symptom wichtig ist; das ist den Patienten manchmal gar nicht bewusst. Oft sind die Beschwerden auch unspezifisch und könnten auf viele Erkrankungen passen. Nochmal: Man braucht Zeit, Erfahrung und Fingerspitzengefühl.

Was sind typische Erkrankungen?
Typisch sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Erkrankungen des Bewegungsapparats. Danach teilen wir Geriater die Patienten in drei Gruppen: »Go Goes«, »Slow Goes« und »No Goes«. »Go Goes« sind die fitten Alten. Denen kann die Geriatrie Präventionsprogramme anbieten - mittlerweile gibt es da gute Ansätze: Das müsst ihr tun, damit ihr nicht stürzt oder gar nicht erst muskelschwach werdet. Im Prinzip sind die »Go Goes« aber altgewordene, normale Hausarztpatienten. Der alte Mensch ist nicht per se ein geriatrischer Patient.

Was sind dann »geriatrische Patienten«?
Diejenigen, die 70 Jahre und älter sind und mehrere Krankheiten haben, wie wir sagen: multimorbide sind. Die eigentlichen geriatrischen Fälle sind also die »Slow Goes« und die »No Goes«.

Sind das Patienten, die Sie nur beim Hausbesuch sehen?
Man stellt sich ja vor: Hausbesuch. Da liegt jemand im Bett. Deshalb besuche ich den. Nein. Die »No Goes« sind nicht die einzigen, die ich beim Hausbesuch sehe. Hausbesuche mache ich auch, wenn der Patient ein Hilfsmittel wie einen Rollator hat und nicht in die Praxis kommen kann. Und weil ich wissen möchte: Wie ist das häusliche Umfeld? Dafür braucht es auch kein großes Equipment - ein guter Instinkt, Zuhören, einen Patienten mal zu drücken, ist wichtiger.

Was sehen Sie beim Hausbesuch?
Ich komme auch in Wohnungen, wo sich Zeitungen stapeln oder in denen man auf dem Katzenkot ausrutscht - die Kinder wohnen aber im Ausland, die beauftragte Hilfe kommt zu selten. Zum geriatrischen Setting gehört deshalb auch eine sogenannte Case-Managerin (eine erfahrene medizinische Fachangestellte, die ich zur EVA-Ausbildung geschickt habe), die die Fäden zusammenhält und sich kümmert, dass der Patient dann ein Hilfsmittel bekommt: Essen auf Rädern oder ein Hausnotrufsystem, also einen Alarm, falls er stürzt. Barrierefrei sind die Wohnungen ja selten. Die meisten können sich das nicht leisten, und niemand will aus seinem Häuschen raus.

Mit wem kooperieren Sie, damit die Leute zuhause bleiben können?
Mit Pflegediensten, Angehörigen, Sanitätshäusern, Organisationen wie einem Demenz-Service-Zentrum, Krankenhäusern. Man muss wissen: Junge Menschen haben ohne Ende Kompensationsmöglichkeiten und Rehabilitationspotenzial, doch je älter man ist, desto weniger wird das. Vieles dauert länger. Bei einem 80-Jährigen mit Herzschwäche muss nur eine Kleinigkeit wie ein Magendarminfekt dazukommen, dann klappt das ganze System zusammen. Die Herausforderung lautet, die Alarmglocken zu hören. Wann muss ich einschreiten, wann den Patienten ins Krankenhaus schicken? Für die meisten ist das Krankenhaus ja der reine Horror; jeder Patient, der nur ein paar Monate länger zuhause bleiben kann, ist deshalb ein Gewinn.

Wie lässt sich das erreichen?
Manchmal ist weniger mehr, damit sich die Ressourcen des Patienten nicht verschlechtern. Man muss auch einen Krankenhausaufenthalt gut überdenken, so wie jedes neue Medikament. Generell nehmen die meisten geriatrischen Patienten ja zu viele Medikamente ein. Wir überprüfen daher, ob man nicht eines absetzen kann - das ist oft nicht einfach. Generell geht es darum, sich zu kümmern, ein Ohr dafür zu haben, wo die Defizite des Patienten sind, natürlich durch Diagnostik, Erfahrung und Fingerspitzengefühl, aber auch durch Gespräche mit den Angehörigen.

Das braucht Zeit.
Ja, aber jeder Patient, der vor mir sitzt, ist gerade der Wichtigste. Ich schaue da gar nicht so genau in den Terminkalender: Wenn jemand Probleme hat, muss man sich die Zeit nehmen. Die Balance zu halten, dass die Praxis trotzdem nicht aus den Nähten platzt, ist dann die große Kunst. Das Gefühl, etwas zurückzubekommen, Vertrauensperson zu sein, treibt mich an, auch zwölf Stunden am Tag zu arbeiten. Kann ich dazu beitragen, Patienten ihre Lebensqualität zu erhalten, habe ich einen guten Job getan. Das motiviert mich.
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